Deutscher Geographentag 2013

Kongress für Wissenschaft, Schule und Praxis
2.10.-8.10.2013
Verantworten
Unicampus Passau

Passau entdecken und genießen


Es gibt nicht viele Orte in Deutschland, die auf eine 2000-jährige Stadttradition zurückblicken können. Passau darf sich geschichtlich gesehen einer ausgesprochenen Siedlungsgunst erfreuen, die sich in einer nachweisbaren kontinuierlichen Besiedlung von der keltischen Frühgeschichte bis heute zeigt. Die erste keltische Siedlung Boiodurum geht auf die La-Tène-Zeit zurück. Im 1. nachchristlichen Jahrhundert wurde diese von den Römern erobert und Teil des römischen Kastells Batavis, welches auf der Halbinsel zwischen Donau und Inn lag. In der Spätantike entstand am anderen Innufer in der Provinz Noricum das Kastell Boiotro, das bis zum Abzug der Römer Bestand hatte. Wohl zwischen 476 und 490 verließen die römischen Truppen dann die Region. Mit den über 400 Jahre herrschenden Römern gerät Passau zum ersten Mal in einen internationalen Kontext, was Politik, Wirtschaft, Kultur und Kunst betrifft. Zwar lässt sich nicht leugnen, dass das römische Passau an der Peripherie des Imperiums lag, doch war Passau in die dichte Infrastruktur des Römischen Reiches eingebunden und profitierte vom Handels- und Kulturaustausch mit den Provinzen des Reiches. Die damalige Grenzfunktion der Donau und Passaus wird an den mächtigen Fundamenten des Passauer Kastells Boiotro deutlich, die von der germanischen Gefahr zeugen. Die ungebrochene Weiterführung des antiken Namens Batavis oder Patavia, nun bajuwarisch verformt zu Passawe, Passau ist ein starkes Indiz für eine urbane Kontinuität.

Die Bajuwaren, die das Gebiet im 6. Jahrhundert in Besitz nahmen, errichteten auf der Halbinsel eine Herzogsburg. 739 gilt als das Gründungsjahr des Bistums Passaus und damit des Bischofssitzes in der Stadt, verbunden mit dem Patrozinium des Erzmärtyrers Stephanus, der einen der ältesten und damit höchsten Bedeutungsträger der Christenheit repräsentiert. Für mehr als 1000 Jahre werden Bischöfe die Geschichte Passaus bestimmen. Unter bischöflicher Herrschaft wurde die Stadt Passau wieder in den Donauraum großräumig eingebunden. Passau wirkte als geistliches Zentrum über die Ostmark bis nach Pannonien. Zwischen 1078 und 1099 verloren die Passauer Bischöfe vorübergehend die Herrschaftsrechte über die Stadt an die neugeschaffene Burggrafschaft Passau und den von König Heinrich IV. eingesetzten Grafen Ulrich. Nach dessen Tod fielen die Rechte zurück an die Bischöfe.

1217 wurden die Passauer Bischöfe unmittelbare Reichsfürsten. Das Kloster Niedernburg, das dem Bischof 1161 von Friedrich I. Barbarossa geschenkt wurde, wurde Sitz des Fürstbistums. 1225 bekam es Stadtrechte verliehen. Passau avancierte zur „Hochfürstlichen Haupt- und Residenzstadt“, deren höfisch-feudaler Charakter bis in die Gegenwart das bauliche Antlitz dieser Stadt geprägt hat. Obwohl sich die Bürgerschaft lieber als „Freie Reichsstadt“ gesehen hätte und sich erst nach mehreren fehlgeschlagenen Aufständen der Erkenntnis beugen musste, dass unter dem sanften Joch des Krummstabes „gut leben sei“, blühten im hohen und späten Mittelalter Handel und Gewerbe. Der Salzhandel auf dem Inn und über den „Goldenen Steig“ nach Böhmen sowie die weltberühmten „Passauer Wolfsklingen“ brachten Reichtum in die Stadt, der dem Nürnbergs und Augsburgs wenig nachstand. Nachdem der Salzumschlag im 16. Jahrhundert noch gestiegen war, folgte 1594 der jähe Absturz, als der bayerische Herzog Maximilian die Kontrolle über die salzburgischen Bergwerke übernahm und quasi mit einem Federstrich das fürstbischöfliche Passau vom Salzhandel ausschloss. Passaus Zeit als selbständiges Fürstentum endete mit der Säkularisation 1801, durch die es zu Bayern kam. 1821 wurde die Stadt wieder Bischofssitz. Oft noch steht Passau im hellen Licht der Weltgeschichte; sein Name ist verknüpft mit den Kreuzzügen und dem Religionsfrieden von 1552, mit dem Ausbruch des 30-jährigen Krieges, mit den Türkenkriegen und den napoleonischen Feldzügen.

Dem internationalen Charakter der alten Handelsstadt entsprechend finden wir Künstler aus halb Europa am Werke. Majestätisch böhmische Gotik neben prunkvollem italienischen Barock, elegantes französisches Rokoko neben vornehm-heiterer Wiener Klassizistik – wobei das italienisch-barocke Element am stärksten zutage tritt. Dieser Umstand ist dem Stadtbrand von 1662 geschuldet. Dieser legte die gesamte mittelalterliche Stadt in Schutt und Asche. Nach dem Stadtbrand schufen italienische Meisterhände eine einzigartige Altstadtkulisse in der in Italien vorherrschenden Stilart Barock. Das Stadtbild bekam nun ein südländisch anmutendes Flair. Deshalb wird Passau des Öfteren auch als „das bayerische Venedig“ oder „die bayerische Riviera“ bezeichnet. Dieses 350 Jahre zurückliegende Kapitel der Passauer Stadtgeschichte gab 2012 einen gebührenden Anlass, das Jahr unter das Thema Barock zu stellen. Die Leistung der italienischen Baumeister zeigt sich heute noch imposant im dreikuppeligen St. Stephansdom, der die Altstadt überragt. Die Domkirche besitzt den größten barocken Innenraum nördlich der Alpen und ein Konzert auf der größten Domorgel der Welt ist ein unvergleichliches Hörerlebnis. Die meisten Sehenswürdigkeiten wie Kirchen, die Residenz, das Rathaus und Museen befinden sich in der Altstadt. Malerische Plätze, verwinkelte Gassen, die zu beiden Flussufern hin teilweise in steilen Treppen abfallen, und romantische Uferpromenaden laden zum Entdecken und Verweilen ein. Über den Flüssen thronen im Norden die Burg Veste Oberhaus und im Süden die Wallfahrtskirche Maria Hilf.

Einzigartig ist auch das Dreiflüsse-Eck, hier sieht man den Zusammenfluss von Donau, Inn und Ilz. Diese äußerste Landspitze markiert den tiefsten Punkt des bayerischen Donauraumes. Seit jeher sind die Flüsse für Passau wirtschaftlich von großer Bedeutung. Heute ist Passau zum größten Kreuzfahrthafen an der Donau aufgestiegen. Jährlich legen ca. 2.000 „schwimmende Hotels“ an. Die sieben Anlegestellen in der Altstadt und der Ausweichhafen in Lindau reichen nicht mehr aus. Die Stadt verhandelt bereits über weitere Liegeplätze. So hat die Donau für Passau auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder ihre historische Funktion als verbindende Straße übernommen. Doch das Leben an und mit den Flüssen hat nicht nur Vorteile. Ein Blick auf den Rathausturm zeigt die Hochwassermarken der vergangenen Jahrhunderte. Erst dieses Jahr wurde die Stadt von einem neuen Jahrhunderthochwasser (Höchstmarke 12,89 m) heimgesucht und schwer getroffen. Die dazugehörigen Bilder liefen in sämtliche Nachrichtenübertragungen und ließen die Passauer Bürger und Studenten näher zusammenrücken.

Neben dem in Passau allgegenwärtigem Thema Hochwasser erregte zu Beginn der 2000er Jahre ein ganz anderes Thema die Gemüter. Eine hoch emotional geführte Diskussion um das Herz der Stadt entbrannte. Die bundesweit nicht zuletzt durch den Politischen Aschermittwoch der CSU bekannt gewordene Nibelungenhalle hatte ihren Dienst getan und wurde abgerissen. Ihr Abriss bedeutete eine herausfordernde Freifläche mitten in der Stadt. Dieses als sog. „Neue Mitte“ bekannte Projekt umfasste den Bau eines Einkaufszentrums, der sog. Stadtgalerie, ein Gebäude mit mehreren Einkaufsmöglichkeiten und einem unterirdisches Multiplex-Kino sowie einem Büroturm. Als funktionale Nachfolgerin der Nibelungenhalle entstand die Dreiländerhalle am westlichen Stadtrand.

Einer der wohl wichtigsten Faktoren für die Stadtentwicklung Passaus war die Eröffnung der jüngsten staatlichen Universität in Bayern im Wintersemester 1978/79. Passau blickt auf knapp 400 Jahre Hochschulgeschichte zurück. War die Jesuitenhochschule noch „nur“ als kulturelles und geistiges Zentrum bekannt, so kam erst mit der heutigen Hochschule die Welt als Gast nach Passau. In Zusammenarbeit mit der Universität Passau haben sich neben den seit 1953 stattfindenden Europäischen Wochen weitere Festivals in Passau etabliert. Beispiele hierfür sind das internationale Filmfest, das iberoamerikanische Filmfest muestra! oder die Crank-Cookie Kurzfilmtage. In den siebziger Jahren entstand mit dem Schafrichterhaus eine Kleinkunst- und Kabarettistenszene. Im Fürstbischöflichen Opernhaus befindet sich das Musiktheater des Landestheaters Niederbayern. Wie kaum irgendwo sonst verbindet sich die Pflege einer großen Vergangenheit mit einem vielseitigen und innovativen Kulturleben der Gegenwart.

Der Geographentag bietet eine gute Gelegenheit, die alte und junge Stadt an den drei Flüssen zu besuchen. Entdecken und genießen Sie das besondere Landschafts- und Stadtbild mit allen Sinnen. Passau heißt Sie herzlich willkommen.