Deutscher Geographentag 2013

Kongress für Wissenschaft, Schule und Praxis
2.10.-8.10.2013
Verantworten
Unicampus Passau

SV 3:„Vom Arabischen Frühling zum Winter? Der aktuelle Wandel in der arabischen Welt“

Leitung: Günter Meyer (Mainz)

Freitag, 04.10.2013, 08:30-11:30, Wirtschaftswissenschaften (WIWI) HS 7

Vom „Arabischen Frühling“ zum Winter? Der aktuelle Wandel in der arabischen WeltNach den ersten Massenprotesten im Dezember 2010, die zum Sturz des Regimes in Tunesien führten, zerbrach die „Mauer der Angst“ vor der autoritären und repressiven staatlichen Macht auch in anderen Ländern der arabischen Welt. Auf Proteste und Unruhen folgte in Ägypten, Libyen und im Jemen ebenfalls ein Machtwechsel, in Bahrain konnte der Umsturz nur durch das militärische Eingreifen der Golfkooperationsstaaten verhindert werden, und Syrien versinkt in einem eskalierenden Bürger- und Stellvertreterkrieg. Der einst als Weg zur Freiheit, Demokratie und Verbesserung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen gefeierte „Arabische Frühling“ hat für große Teile der arabischen Bevölkerung zu wirtschaftlichem Niedergang und sich verschärfenden Machtkämpfen geführt: zwischen Vertretern einer säkularen Gesellschaftsordnung und Islamisten, zwischen Sunniten und Schiiten sowie zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen.
Ziel dieser Sitzung ist es, zunächst die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der politischen, sozioökonomischen und religiösen Rahmenbedingungen in den arabischen Staaten herauszuarbeiten, die zu spezifischen Typen des Verlaufs der „Arabellion“ führten. Darauf aufbauend werden beispielhaft die Auswirkungen des „Arabischen Frühlings“ in Ägypten, Libyen, Marokko und in den Monarchien auf der Arabischen Halbinsel analysiert und mögliche Szenarien für die weitere Entwicklung diskutiert.

Referenten:

1) Günter Meyer: Ursachen, Ablauf und Perspektiven des „Arabischen Frühlings“


In einem einführenden Überblick werden zunächst die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der politischen, sozioökonomischen und religiösen Rahmenbedingungen in den arabischen Staaten herausgearbeitet, die mehr oder weniger heftig von den Folgen des „Arabischen Frühlings“ erfasst wurden. Darauf aufbauend, werden unterschiedliche Typen des Verlaufs der Arabellion analysiert und schließlich mögliche Szenarien für die weitere Entwicklung diskutiert. Dabei werden auch die geostrategischen Interessen der unterschiedlichen politischen Akteure (Saudi Arabien, Katar, Türkei, USA, Russland, China, EU, Arabische Liga u.a.) behandelt. Auf die Staaten, mit denen sich die übrigen Hauptartikel nicht befassen, wird ausführlicher eingegangen.

2) Detlef Müller-Mahn/Anne-Sophie Beckedorf: Tahrir – Zur Politischen Geographie des Aufruhrs in Ägypten

Der Tahrir-Platz im Zentrum von Kairo ist ein Schauplatz des Widerstands gegen das herrschende Regime in Ägypten. Zuerst formierte sich hier die Opposition gegen Mubarak, jetzt gegen Mursi und die Muslimbrüder. Mit Blick auf diesen symbolischen Ort – Tahrir heißt Befreiung – stellt sich die Frage, welche Rolle zivilgesellschaftliche Bewegungen, öffentlicher Raum und Medien im Arabischen Frühling spielen. Der Artikel soll die historischen und kulturellen Hintergründe des aktuellen Konfliktes ausleuchten, die Vielschichtigkeit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ursachen aufzeigen, und zu einem differenzierteren Verständnis der aktuellen Lage Ägyptens beitragen: Eines Landes im Aufruhr, in dem es um mehr geht als den Zusammenprall zwischen verwestlichten Facebook-Anhängern und konservativen Islamisten.

3) Andreas Dittmann: Das post-revolutionäre Libyen –  Entwicklungsperspektiven für einen ressourcen-reichen, schwachen Staat

Die Entwicklungsperspektiven für das post-revolutionäre Libyen stellen sich auf den ersten Blick ausgesprochen positiv dar: Ein enormer Reichtum an Ressourcen –  vor allem an Erdöl –  und eine relativ geringe Gesamtbevölkerungszahl von nur etwas mehr als 6 Millionen, machen deutlich, dass das Land ungleich besser positioniert ist, als seine Nachbarländen im Arabischen Frühling, Tunesien und Ägypten. Die aktuellen, brisanten Aufgaben sind jedoch gewaltig. Ihre Bewältigung wird darüber entscheiden, ob das derzeit reichste Land Afrikas seine Chancen wird nutzen können oder sich zu einem schwachen Failed State entwickelt. Kurzfristig gehören die Stärkung staatlicher Organe, die Entwaffnung der Zivilbevölkerung und die Demobilisierung der zahlreichen Milizen zu den Hauptauf-gaben. Mittelfristig muss es um den Aufbau eines nachhaltigen Demokratie- und eines international konkurrenzfähigen Bildungssystems gehen, während langfristig die längst überfällige Diversifizierung der Wirtschaft und eine Befreiung aus der Abhängigkeit vom Erdölexport erforderlich ist. Derzeit steht das schwache Libyen im Fokus mehrerer internationaler Akteure; die einen erhoffen sich eine islamistische Überprägung ausgehend vom weiten Sahara-Raum und die anderen schützen humanitäre Beweggründe und Demokratisierungs-Missionen vor, schielen aber in erster Linie doch nur auf Ressourcen.

4) Thomas Hüsken: (Ethnologisches Seminar der Universität Zürich, Facheinheit Ethnologie der Universität Bayreuth): Stämme und die Revolutionen in Ägypten und Libyen

Die Rolle von Stammesgesellschaften ist im Kontext der libyschen und ägyptischen Revolutionen kaum diskutiert worden. Mein Beitrag wird zeigen, dass die Stammespolitiker der Aulad Ali Beduinen im Grenzgebiet von Ägypten und Libyen eine ganz wesentliche Rolle während und nach den revolutionären Umbrüchen gespielt haben. Es soll erkennbar werden, wie lokale Stammespolitiker ein transnationales nicht-staatliches Ordnungssystem erschaffen, das ganz erheblich zur Stabilisie-rung der Übergangsordnung in beiden Ländern beigetragen hat. Die Stammespolitik ist dabei eben keine pauschale Primordialisierung von Politik und erst recht kein konflikttreibender Tribalismus, sondern ein Beispiel für eine souveräne, lokal angemessene Form politischer Ordnung.


5) Jörg Gertel: Jugend(t)räume und Alltag: Arabischer Frühling in Marokko

Der Beitrag beschäftigt sich aus einer jüngeren historischen Perspektive mit den Möglichkeiten und Perspektiven der Jugend in Marokko und den Konsequenzen der Protestaktionen in 2011. Im Mittelpunkt stehen einerseits die virtuellen Initiativen –  wie die Seite Mamfakinch, die die Massen-bewegung des 20 Februar 2011 ausgelöst hat – und andererseits die urbanen Jugendbewegungen im realen Raum der Stadt. Der Beitrag nutzt eigene empirische Erhebungen, die in zehnjährigem Abstand, nach dem 11. September im Sommer 2002 und nach dem arabischen Frühling im Sommer 2012 in Rabat wiederholt mit ca. 400 Jugendlichen durchgeführt wurden.

6) Ala Al-Hamarneh/Nadine Scharfenort: Auswirkungen des „Arabischen Frühlings“ auf die Golfstaaten

Die sechs Monarchien der Länder des Golfkooperationsrates sehen sich durch die erfolgreichen Aufstände in Tunesien und Ägypten direkt bedroht. Proteste für sozioökonomische und politische Reformen fanden mit unterschiedlichen Intensitäten und Umfang in Oman, Saudi Arabien und Kuwait statt. Während sich in Bahrain ein regelrechter Volksaufstand entwickelte, beschränkten sich die Proteste in den VAE und Katar auf Petitionen. Die unterschiedlichen Formen und Intensitäten der Proteste stehen trotz der sozioökonomischen Gemeinsamkeiten der GKR-Länder im direkten Zusammenhang mit  demographischen Strukturen und dem jeweiligen politischen System sowie der sozialen und historischen  Entwicklung des jeweiligen Landes. Der Beitrag wird die Gemeinsamkeit und Besonderheiten der Proteste in den GKR-Ländern erläutern und den Fokus besonders auf die veränderte geopolitische Lage und den Volksaufstand in Bahrain richten.


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